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Grußwort von Sophie Savoly - Jahrgangsbeste

"Sehr geehrter Herr Minister Ludwig,
sehr geehrter Herr Dr. Hein,
sehr geehrte Frau Prof. Dr. von Blumenthal
sehr geehrter Herr Prof. Dr. Häde,

liebe Absolventinnen und Absolventen,

liebe Familien und Freunde,
sehr geehrte Damen und Herren,
ich bitte Sie nun, sich zu erheben.

Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil:

20191116_Graduation-Day_UV_5339 ©EUV - Heide Fest

'Die diesjährigen Absolventinnen und Absolventen werden verurteilt, ihren Abschluss gebührend zu feiern und die vergangene Studienzeit noch einmal Revue passieren zu lassen. Das Urteil ist sofort vollstreckbar. Rechtsmittel sind nicht zugelassen.'

20191116_Graduation-Day_UV_5311 ©EUV - Heide Fest

Nehmen Sie bitte Platz.

In dem Rechtsstreit der Absolventinnen und Absolventen der zwei Examenskampagnen sowie der Stu­dien­gänge:

  • Recht und Wirtschaft |Wirtschaft und Recht
  • Europäisches Wirtschaftsrecht
  • German and Polish Law und
  • Magister prawa

gegen die Abschlussprüfungen stritten die Parteien um das erfolgreiche Absolvieren des Studiums. Den Anträgen der Absolventinnen und Absolventen war vollumfänglich stattzugeben. Und aufgrund der sofortigen Vollstreckbarkeit dieses Urteils, ist genau jetzt der richtige Zeitpunkt, dass wir uns an unsere vergangene Studienzeit zurückerinnern.

Mit dem Abschluss des Jurastudiums feiern wir heute das erfolgreiche Absolvieren des Schwer­punkt­bereichs sowie von insgesamt 35 Stunden Examensklausuren und im Schnitt 7 Stunden mündlicher Prüfung.

In Vorbereitung auf dieses Urteil ist mir aufgefallen, dass diese Prüfungen am Ende meines Studiums Spuren hinterlassen haben. Das Jahr der Examensvorbereitung hat sicher nicht nur mich viele Nerven, Tränen und schlaflose Nächte gekostet. Das Staatsexamen am Ende meines Studiums schien dabei all meine Erinnerungen an die 5 Jahre davor zu verdecken.

Ich denke, jeder von uns könnte unendlich viele Verbesserungsvorschläge für das Jurastudium, vor allem für das Examen und dessen Intensität, Stoffmenge und Praxisrelevanz formulieren. Doch ist es das, woran man sich am Ende des Studiums erinnern sollte?

Ich möchte, dass wir uns nicht nur an das Ende unseres Studiums erinnern. Ich möchte mir und euch noch einmal die 5 Jahre in Erinnerung rufen, die uns veranlasst haben, diesen Abschluss überhaupt anzustreben.

Lasst uns an unsere erste Vorlesung, an die erste Arbeitsgemeinschaft, an die erste Party und an die ers­te Klausur zurückdenken, mit der unser Weg begann, der hier und heute endet.

In meiner ersten Vorlesung bei Herrn Prof. Dr. Gerhard Wolf im Strafrecht begann er diese mit ein paar Ein­wei­sungen und allgemeinen Worten zum Jurastudium. Dabei ist mir bis heute, folgender Rat in Er­inne­rung geblieben:

'Sie werden schon noch sehen – Juristen sind komisch. Suchen Sie sich schnell Juristen-Freunde oder Sie werden bald nur noch wenige haben.'

Das war vielleicht etwas drastisch ausgedrückt, aber dem Grunde nach muss ich und müssen sicherlich auch die heute anwesenden Familien und Freunde Herrn Wolf Recht geben: Juristen sind schon etwas komisch.

In meiner ersten Arbeitsgemeinschaft bei Frau Babiak erklärte sie uns ebenso grob den Ablauf des Stu­diums und vor allem auch die Notenskala, die sich wesentlich von der unterscheidet, die wir bisher von der Schule gewohnt waren. Und genau diese Notenskala sollte uns allen noch großes Kopfzerbrechen bereiten.

Nach einer Woche lernen mit jugendlichem Leichtsinn und dem Selbstbewusstsein aus der Schule, dass man dort ja schließlich auch mit 3 Tagen lernen oft eine 1 oder 2 geschrieben hat, ging ich dann in meine erste Klausur und war mir sicher: 18 Punkte werden es vielleicht nicht, 17 Punkte sind aber drin.

Ein paar Wochen später stand es dann fest: Staatsorganisationsrecht – 5 Punkte.

Die restlichen Semester verbrachten wir dann wahrscheinlich alle damit, unseren Familien und Freunden zu erklären, dass man mit 8 von 18 Punkten schon weit über dem Durschnitt liegt.

In meiner Ersti-Woche im Oktober 2013 saß ich an einem Montagmorgen im Tutorium von Tuba. Sie gab uns Tipps für den Start ins Studium, zeigte uns den Campus und ich knüpfte erste Kontakte mit anderen Stu­dien­anfängern. Am Ende des Tutoriums, sagte sie etwas, von dem ich hoffte, dass es sich nicht be­wahr­heiten wird:

'So traurig es ist, und das muss euch bewusst sein, nur wenige von euch werden das Studium bis zum Examen durchhalten und noch weniger werden das Examen am Ende bestehen.'

Tatsächlich begann ich im Oktober 2013 mit ca. 300 anderen Studienanfängern mein Studium. In den zwei Examenskampagnen kämpfte dann nur noch 1/3 um das Bestehen der ersten juristischen Prüfung. Ca. 40 % von den Angetretenen gelang es dabei leider nicht, den Endgegner zu besiegen.

Natürlich soll an dem heutigen Tag die Freude über das Bestehen des 1. Staatsexamens im Vordergrund stehen. Trotzdem möchte ich auch an die Studierenden erinnern, denen das Quäntchen Glück gefehlt hat, um heute hier zu sein.

Bis zum heutigen Tag

  • hörten wir uns ca. 57.000 Minuten an Vorlesungen und Arbeitsgemeinschaften an,
  • verbrachten wir ca. 5.000 Stunden in der Bibliothek oder zumindest in dem Café vor der Biblio­thek, aber das ist ja fast dasselbe
  • beschrieben wir mind. 1.000 Blatt Klausurpapier
  • gaben wir um die 2.500 Euro für das Mensa-Essen und Kaffee aus
  • lasen wir ca. 7.500 Seiten in Lehrbüchern und Skripten oder nahmen es uns zumindest vor, und
  • gingen wir auf genau 2 Partys - weil man ja als pflichtbewusster Studierender viel Schlaf braucht.

Ich werde es vermissen, im Sommer schwitzend und im Winter frierend in der Bibliothek zu sitzen und die mitgebrachten Snacks clever unter Büchern zu verstecken.

Ich werde die Zeit vermissen, in der ich in Prof. Dr. Bodes AG saß und mir Gedanken darüber machte, ab wie vielen Bäumen ein Wald eigentlich ein Wald ist und ob das, was wir hier machen, eigentlich nur Recht oder auch Gerechtigkeit ist.

Ich werde es auch vermissen, während der Hausarbeitenphase mehr Zeit mit Pausen und dem Suchen der aktuellsten Literatur als mit dem wirklichen Schreiben der Hausarbeit verbracht zu haben.

Und Ich werde es vermissen, in der Vorlesung von Herrn Prof. Dr. Pechstein zu sitzen und dabei zuzusehen, wie er jede zu spät kommende Person so lange kommentarlos anstarrte, bis diese im ohnehin überfüllten Hörsaal einen Platz gefunden hatte.

Was ich nicht vermissen werde, ist das Schreiben der Klausuren und der Moment, kurz bevor man seine korrigierte Klausur zurückbekommt. Mit Ausnahme der Klausurrückgabe im 3. Semester bei Herrn Prof. Dr. Häde im Verwaltungsrecht, bei der es nur eine Durchfallquote von 20 % ga,b und wir von Prof. Häde gefragt wurden, ob die Klausur zu leicht oder wir zu gut gewesen wären. Natürlich traf eindeutig Letzteres zu.

Glauben Sie mir, als ich versuchte, das Examen auszublenden, sind mir all diese und noch mehr wunderbare Momente wie Schuppen von den Augen gefallen, die mich heute hierhergebracht haben.

Ich erinnere mich an jede einzelne wegbegleitende Person - von den Lehrenden, über manchen Korrektor oder manche Korrektorin, über den oder die ich mich aufregte, weil an meine eigens erfundene Theorie zu einem der zahlreichen Streitigkeiten im Strafrecht nur 'abwegig' kommentiert wurde, bis hin zu all den Lehr­stuhl­koordinierenden, die stets 100-mal am Tag dieselbe Frage beantworten durften.

Und deswegen möchte ich mich stellvertretend für alle Absolventinnen und Absolventen für jeden einzelnen Wegbegleiter und für jede einzelne Wegbegleiterin und vor allem auch bei der gesamten Europa-Universität Viadrina bedanken.

Die Viadrina hat uns durch ihr familiäres Umfeld, ihre individuelle Betreuungsmöglichkeit und ihr trotzdem großes Angebot an Gestaltungsmöglichkeiten des Studiums die bestmögliche Lernplattform geboten. Diese Kombination findet man doch nur noch selten und deswegen bin ich froh, dass mich mein Weg aus der Schule nicht nach Berlin, sondern nach Frankfurt an der Oder geführt hat.

Ohne die Viadrina und jeden Einzelnen und jede Einzelne hätten wir diesen steinigen Weg nicht meistern können.

Liebe Viadrina, dafür werden wir dir auf ewig dankbar sein. Unser Studium bei dir mag zwar heute enden, aber durch die wunderbaren Erinnerungen, die du uns geschenkt hast, wirst du auf ewig eine Weg­be­glei­terin für uns sein.

Ebenso möchte ich mich bei allen Familien und Freunden bedanken, die sicher vor allem im letzten Jahr des Studiums die ein oder andere schlechte Launen ertragen, die ein oder andere Absage hinnehmen und die ein oder andere Tränen trocknen mussten.

Sicher haben einige von Ihnen bis heute nicht durchdrungen, wie viele Klausuren und Hausarbeiten dieses Studium eigentlich umfasst, was es mit diesem 'Freischuss' eigentlich auf sich hat und warum man sich schon mit 12 von 18 Punkten wie der König oder die Königin der Uni fühlte – es fehlen ja schließlich noch 6 Punkte bis zur vollen Punktzahl.

Ihre Unterstützung mag deswegen zumeist nicht fachlicher Natur gewesen sein, doch sie haben uns den emotionalen Rückhalt und die Gewissheit gegeben, dass auch ohne Examen etwas bleibt. Und wenn wir ehrlich sind, war diese Gewissheit, dass es außerhalb und auch ohne Examen noch ein Leben und Men­schen gibt, die hinter einem stehen, die größte Stütze.

Und deshalb möchte ich mich in eigener Sache noch bei meinem Freund bedanken, der mich schon fast 10 Jahre auf meinem Weg begleitet und oft mehr an mich geglaubt hat, als ich es selbst getan habe.

Und nun wollen wir uns dem zweiten Teil des Urteils widmen und auch diesen sofort vollstrecken: Lasst uns heute gemeinsam feiern, tanzen und Spaß haben – denn genau das haben wir uns nach dem Abschluss un­seres Studiums verdient!

Beenden möchte ich dieses Urteil mit dem Motto, unter dem diese Veranstaltung steht:

Wir haben es geschafft, ich bin stolz auf uns!

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit."

20191116_Graduation-Day_UV_5331 ©EUV - Heide Fest

Fotos: © Heide Fest

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